Geschichte & Verantwortung
Osho und die Tantra-Massage: Ein problematisches Erbe
Warum der Einfluss Oshos auf die moderne Tantra-Szene kritisch betrachtet werden muss.
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Blog · Geschichte
Die heutige Tantra-Massage ist keine jahrtausendealte Tradition – sondern eine vergleichsweise junge westliche Entwicklung.
Sie entstand aus den Ideen vieler Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Eine kleine Geschichte in sechs Stationen.
Michael Köllner · 14. August 2026 · ca. 8 Minuten Lesezeit
Westliches Neo-Tantra
Viele Anbieter von Tantra-Massagen verleihen ihrer Arbeit den Anschein einer jahrtausendealten Tradition. Tatsächlich ist die Tantra-Massage, wie sie heute im deutschsprachigen Raum angeboten wird, eine vergleichsweise junge westliche Form der Körperarbeit. Sie hat sich erst im 20. Jahrhundert aus sehr unterschiedlichen Einflüssen entwickelt.1, 16
Sie besitzt Bezüge zum historischen Tantra, ist mit diesem aber nicht gleichzusetzen. Gerade ihre Entstehungsgeschichte zeigt: Es handelt sich um eine fortlaufende Entwicklung, in der religiöse Vorstellungen, gesellschaftlicher Wandel, Psychologie, Sexualität und Körperarbeit immer wieder neu miteinander verbunden werden.
„Die heutigen Formen der Tantra-Massage sind keine Schöpfung eines Einzelnen.“
Der Ausgangspunkt
Tantra bezeichnet eine Vielzahl hinduistischer und buddhistischer religiöser Traditionen, Texte und Praktiken.
Sexualität konnte darin durchaus eine Rolle spielen. Doch sexuelle Rituale waren weder mit moderner Sexualtherapie noch mit einer heutigen Ganzkörpermassage gleichzusetzen. Sie standen in religiösen und rituellen Zusammenhängen und waren auf spirituelle Erkenntnis und Befreiung ausgerichtet.2, 3
Traditionelles Tantra lieferte der späteren Tantra-Massage vor allem Begriffe und spirituelle Vorstellungen.2 Alles Weitere kam aus dem Westen – Schritt für Schritt.
Der Überblick
Die moderne Tantra-Massage entstand nicht aus einer einzigen Quelle und auch nicht durch eine einzelne Person. Sechs Stationen, die sie geprägt haben – jede Kachel führt zum ausführlichen Porträt.
Station 1 Die frühen Vermittler
Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich im Westen ein Verständnis von Tantra, das sich zunehmend von seinen religiösen Zusammenhängen entfernte.1
Eine wichtige Figur dieser frühen Entwicklung war der Amerikaner Pierre Arnold Bernard. Er beschäftigte sich mit Tantra und gründete gemeinsam mit seinem Lehrer Sylvais Hamati den Tantrik Order of America, eine der ersten tantrischen Organisationen in den USA. Bernard gehörte zu den ersten Personen, die tantrische Vorstellungen einem größeren amerikanischen Publikum vermittelten.4
Dabei verband er östliche Vorstellungen mit westlicher Esoterik, Körperübungen und einem für seine Zeit ungewöhnlich offenen Umgang mit Sexualität.1, 4
Eine Tantra-Massage im heutigen Sinn entwickelte Bernard noch nicht. Seine Bedeutung liegt darin, dass im Westen ein Tantra-Verständnis entstand, das Sexualität, Körperlichkeit und persönliche Befreiung stärker in den Mittelpunkt rückte.1
Station 2 Körperpsychologie
Reich verstand sexuelle Energie als wesentliche Lebenskraft.7
Besonders einflussreich waren seine Arbeiten, weil er die gesellschaftliche Unterdrückung von Sexualität in einen Zusammenhang mit psychischen Konflikten stellte und zugleich körperorientierte Formen der Psychotherapie entwickelte.5
In seiner Vegetotherapie zeigen sich psychische Spannungen nach Reich auch im Körper. Er arbeitete deshalb nicht nur im Gespräch, sondern auch mit Atmung, Körperhaltung, Bewegung und körperlichen Spannungsmustern.6
Seine Vorstellungen wurden später zu einem wichtigen Bezugspunkt zahlreicher körperpsychotherapeutischer und sexualreformerischer Strömungen – auch wenn viele seiner späteren Theorien wissenschaftlich nicht haltbar waren.6
Station 3 Human Potential Movement
In den 1960er und 1970er Jahren wurden im Westen Körper, Psyche, Sexualität und persönliche Entwicklung neu zusammengedacht.
Dazu gehörten humanistische Psychologie, Gestalttherapie, Bioenergetik, Atemarbeit, Encounter-Gruppen und zahlreiche Formen körperorientierter Selbsterfahrung.8, 9
Ein bedeutendes Zentrum dieser Entwicklung war das Esalen Institute im kalifornischen Big Sur. Es wurde 1962 gegründet und zu einem der wichtigsten Orte des Human Potential Movement. Dessen Kerngedanke: Menschen tragen Fähigkeiten, Gefühle und Möglichkeiten in sich, die im normalen Alltag oft nur teilweise entwickelt werden.8
Am Institut begegneten sich westliche Psychologie, östliche Spiritualität, Gestalttherapie, Körperarbeit, Bewegung und Massage. Auch eine eigene Esalen-Massage entwickelte sich aus diesem Umfeld.8, 9
Damit war ein kulturelles Feld entstanden, in dem Berührung nicht mehr ausschließlich als medizinische Behandlung galt. Körperarbeit konnte nun ebenso der Selbsterfahrung, emotionalen Öffnung, persönlichen Entwicklung und Bewusstseinsarbeit dienen.9
Station 4 Das Welt- und Lebensmodell
In diesem Umfeld gewann Bhagwan Shree Rajneesh, später Osho genannt, in den 1970er Jahren erheblichen Einfluss.
Osho verband Vorstellungen aus östlichen Religionen mit westlicher Psychologie, Körpertherapie und der sexuellen Befreiungsbewegung.10 Sexualität betrachtete er als eine grundlegende menschliche Energie, die nicht unterdrückt, sondern bewusst erfahren und transformiert werden sollte.11
Bei Osho veränderte sich die Qualität: Er übernahm nicht nur einzelne Elemente, sondern bündelte sie zu einem umfassenden Welt- und Lebensmodell. Seine Kommunen und Therapiegruppen wurden so zu wichtigen Orten des entstehenden Neo-Tantra – aber auch zu Orten eines Kipppunktes, an dem das Überschreiten von Grenzen selbst einen höheren Wert bekam.12, 13
Seine Bedeutung liegt darin, dass in seinem Umfeld Sexualität, Meditation, Körperarbeit und Selbsterfahrung auf eine Weise verbunden wurden, die später zahlreiche Tantra-Schulen beeinflusste. Gleichzeitig griff Osho selbst auf Entwicklungen zurück, die lange vor ihm begonnen hatten. Die häufig erzählte Vorstellung, mit Osho sei der westliche Tantraweg überhaupt erst gestartet, greift deshalb historisch zu kurz.1, 10
Die Schattenseite
Oshos Bedeutung für die Weiterentwicklung der Tantra-Massage darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich um ihn ein stark hierarchisches und zunehmend problematisches System entwickelte. Es war von Machtmissbrauch und Gewalt in Therapiegruppen geprägt und später auch mit schweren Straftaten verbunden.12, 13, 14
Osho hat die Tantra-Massage nicht erfunden.
Für die konkrete Entstehung der heutigen Tantra-Massage ist ein anderer Name wesentlich wichtiger.16
Station 5 Die konkrete Massageform
Rothe beschäftigte sich in den 1970er Jahren intensiv mit Tantra, Meditation, Massage und unterschiedlichen Formen der Körperarbeit.
Auch er kam mit Osho und dessen Umfeld in Berührung. Seine Arbeit speiste sich jedoch aus deutlich mehr Quellen. In der biografischen Dokumentation der von ihm gegründeten Berliner Schule – dem Diamond Lotus Tantra Institut – werden unter anderem asiatische und byzantinische Massageformen, Erfahrungen in türkischen Hamams, Zen, Akupunktur, die Orgontheorie Wilhelm Reichs, Humanistische Psychologie und verschiedene Formen der damaligen New-Age-Therapie als Einflüsse genannt.15
1978
Entscheidend war die Einbeziehung des gesamten Körpers. Auch der sexuelle Körper und der Intimbereich wurden nicht grundsätzlich aus der Massage ausgeklammert. Gleichzeitig entstand ein ritualisierter Rahmen, in dem Berührung nicht lediglich als sexuelle Stimulation, sondern als Teil eines umfassenderen Körpererlebens verstanden wurde.16, 18
Gerade daran lässt sich erkennen, wie jung diese Form der Tantra-Massage tatsächlich ist. Andros Arbeit wurde für zahlreiche spätere Tantra-Massage-Schulen im deutschsprachigen Raum prägend und gehört deshalb zu den wichtigsten Stationen in der Entstehungsgeschichte der heutigen Tantra-Massage.16
Zur Quellenlage: Hier muss zwischen unabhängiger Geschichtsschreibung und der Überlieferung der von Andro gegründeten Schule unterschieden werden. Eine umfassende wissenschaftliche Geschichte der deutschen Tantra-Massage existiert bislang kaum. Die konkreten Angaben über Andros Entwicklung seiner Massageformen stammen deshalb überwiegend von Diamond Lotus und der Interessengemeinschaft Tantramassage nach Andro.
Station 6 Die internationale Verbreitung
Etwa zur gleichen Zeit entwickelte Margot Anand einen anderen, ebenfalls sehr einflussreichen Zugang.
Auch Anand hatte Erfahrungen im Umfeld Oshos gesammelt.19 Unter dem Namen SkyDancing Tantra entwickelte sie ein eigenes System, das Tantra mit Meditation, Sexualität, Massage, Psychologie, Atemarbeit, Körperübungen und modernen Methoden der Selbsterfahrung verbindet.19, 20
Ihre Schule beschreibt diese Mischung sehr offen: Neben tantrischen, buddhistischen, yogischen und taoistischen Vorstellungen werden ausdrücklich Psychologie, Bioenergetik, Neurolinguistisches Programmieren, Visualisierung, Kommunikation, Meditation, Ritual und Massage als Bestandteile genannt.20
Anands Bedeutung liegt deshalb weniger in einer einzelnen festgelegten Massageform als in der Popularisierung eines umfassenden westlichen Verständnisses tantrischer Sexualität.
Durch ihre Bücher, Seminare und Ausbildungsprogramme wurden Vorstellungen von bewusster Sexualität, sexueller Energie, Atem, Meditation, Ritual und körperlicher Selbsterfahrung einem internationalen westlichen Publikum zugänglich. SkyDancing Tantra wurde seit den späten 1980er Jahren durch verschiedene internationale Institute verbreitet.20
Was bleibt
Aber das macht die Tantra-Massage nicht weniger wertvoll. Im Gegenteil.
Tantra-Massage muss kein unverändert weitergereichtes Ritual aus einer fernen Vergangenheit sein, um eine ernst zu nehmende Form von Körperarbeit zu sein.
Ihre Geschichte macht sichtbar, woraus sie besteht: aus religiösen Begriffen, westlicher Körperpsychologie, der Selbsterfahrungsbewegung, Meditation, handwerklicher Massage – und aus der Arbeit vieler Menschen, die all das immer wieder neu verbunden haben.
Wie diese moderne Form in meiner eigenen Arbeit heute aussieht, beschreibe ich in meinem Angebot zur Tantra-Massage für Männer.
Ihre Geschichte ist die Geschichte
einer modernen Suche nach neuen Formen von Berührung.
Von Körperbewusstsein, Sexualität und menschlicher Begegnung.
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