Logo von touched to be. TOUCHED TO BE Raum für tantrisch orientierte Körperarbeit
Ein Masseur kniet hinter einem sitzenden Mann und legt ihm eine Hand auf den Kopf und eine auf das Brustbein.

Chakren-Serie · Teil 2 von 5

Wie aus sechs Rädern sieben Chakren wurden.

Von Pūrṇānanda über die Theosophie bis zu C. G. Jung: wie das heutige Chakrensystem entstand.

Der zweite Teil zeigt, wie indische Überlieferung, westliche Esoterik und Psychologie zu einem modernen Hybridprodukt verschmolzen.

Michael Köllner · 29. September 2026 · ca. 5 Minuten Lesezeit

Die spirituelle Landkarte wird nicht unabhängig vom Körper erlebt. Sie wird an ihm erfahren.

Körperliche Erfahrung

Was hat ein Chakra mit dem Körper zu tun?

Man könnte annehmen: Wenn Chakren Teil eines symbolischen oder meditativen Systems sind, haben sie mit dem wirklichen Körper überhaupt nichts zu tun. Aber das wäre zu einfach. Die Praktiken finden schließlich im Körper und durch den Körper statt.

Menschen atmen und spüren ihren Beckenboden. Sie erleben Spannung im Bauch, nehmen ihren Herzschlag wahr. Sie empfinden Enge in der Brust oder im Hals. Sie spüren sexuelle Erregung im Becken, Atembewegungen im Brustkorb und Veränderungen ihrer Wahrnehmung bei der Meditation.

Diese Empfindungen sind real. Werden sie als Bewegung oder Aktivität eines Chakras verstanden, erhalten sie jedoch eine bestimmte kulturelle, nicht wissenschaftliche Deutung. Die körperliche Erfahrung und ihre Erklärung sind nicht dasselbe. Möglicherweise liegt gerade darin ein Grund, warum Chakrenmodelle über lange Zeit hinweg als so überzeugend erlebt werden konnten: Sie geben schwer beschreibbaren körperlichen Erfahrungen eine Ordnung und Bedeutung.1, 2

Auffällig ist jedoch, dass mehrere der heute mit Chakren verbundenen Körperregionen auch anatomisch und sensorisch besondere Bereiche sind. Dort finden sich etwa größere Nervengeflechte, Strukturen oder Körperfunktionen, die wir besonders deutlich wahrnehmen.3, 4, 2 Mehr dazu in Teil 3.

Westliche Entwicklung

Woher kommen unsere sieben Chakren?

Das moderne Chakrensystem ist das Ergebnis einer langen Entwicklung, in der indische Überlieferungen im Westen übersetzt, ausgewählt, neu geordnet und mit westlichen Vorstellungen verbunden wurden. Eine Reise in fünf Stationen.

  1. 16. Jahrhundert

    Pūrṇānanda und die sechs Räder

    Besonders einflussreich wurde ein System, das mit dem tantrischen Text Ṣaṭ-cakra-nirūpaṇa verbunden ist. Verfasst hat ihn Pūrṇānanda, ein bengalischer Gelehrter, Yogi und Tantriker.5

    Schon der Titel ist aufschlussreich: Ṣaṭ-cakra bedeutet sechs Chakren. Beschrieben werden die Zentren Muladhara, Svadhisthana, Manipura, Anahata, Vishuddha und Ajna. Über ihnen steht Sahasrara, der sogenannte tausendblättrige Lotus am oder oberhalb des Scheitels.5

  2. um 1900

    Die Theosophie

    Eine wichtige Entwicklung fand innerhalb der westlichen Esoterik statt. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert beschäftigten sich Vertreter der Theosophie – einer esoterischen Lehre, die von einer verborgenen spirituellen Wirklichkeit hinter der sichtbaren Welt ausgeht – intensiv mit indischen Religionen. Sie versuchten, deren Vorstellungen mit eigenen Lehren über feinstoffliche Körper, Aura, geistige Entwicklung und übersinnliche Wahrnehmung zu verbinden.6, 7

  3. 1919

    „The Serpent Power“

    Eine wichtige Rolle spielte der britische Jurist und Sanskritkenner Sir John Woodroffe, der unter dem Namen Arthur Avalon veröffentlichte.5, 8 1919 erschien sein Buch The Serpent Power. Darin machte er unter anderem den tantrischen Text von Pūrṇānanda einem englischsprachigen Publikum zugänglich. Das Werk wurde zu einer wichtigen Quelle für die westliche Beschäftigung mit Kundalini und Chakren.5, 8

  4. 1927

    Leadbeater und die leuchtenden Räder

    Besonders einflussreich wurde der Theosoph Charles Webster Leadbeater. 1927 veröffentlichte er sein Buch The Chakras. Er beschreibt Chakren dort als leuchtende, bewegte und farbige Zentren eines feinstofflichen Körpers, schildert ihre Formen, Farben, Bewegungen und ihre unterschiedliche Ausprägung bei verschiedenen Menschen. Seine farbigen Darstellungen prägten die westliche Vorstellung von Chakren nachhaltig.9, 6, 7

    Damit veränderte sich das Konzept erneut. Die Chakren wurden nun stärker wie tatsächlich vorhandene feinstoffliche Organe beschrieben, die ein entsprechend begabter Mensch angeblich wahrnehmen könne. Zusätzlich entwickelte sich innerhalb der modernen westlichen Chakrenlehre das heute geläufige Regenbogen-Farbsystem.9, 6, 7

    Historische tantrische Texte kennen durchaus Farben. Sie gehören zu den komplexen Visualisationen der einzelnen Zentren – aber sie entsprechen nicht einfach unserem heutigen Regenbogensystem.5, 10 Und auch Leadbeaters Darstellungen waren wesentlich komplizierter als die heute verbreitete Reihe aus sieben einfarbigen Kreisen: Er beschrieb und illustrierte vielfarbige, schillernde Zentren.9, 10

  5. 1932

    C. G. Jung deutet psychologisch

    Noch eine weitere Veränderung kam hinzu: Die Chakren wurden zunehmend nicht nur spirituell, sondern psychologisch interpretiert. Ein wichtiger Schritt war die Beschäftigung des Schweizer Psychiaters Carl Gustav Jung mit Kundalini-Yoga.6, 11

    1932 hielt Jung in Zürich ein Seminar über Kundalini-Yoga. Darin betrachtete er die Chakren nicht als Anatomie, sondern interpretierte den Aufstieg durch die verschiedenen Zentren psychologisch als Bilder unterschiedlicher Bewusstseinszustände und Entwicklungsprozesse. Die Aufzeichnungen erschienen später unter dem Titel The Psychology of Kundalini Yoga.11 Damit entstand eine neue Möglichkeit, Chakren zu verstehen: Muladhara konnte nun beispielsweise nicht nur als Ort innerhalb einer tantrischen Meditation erscheinen, sondern als Symbol einer bestimmten menschlichen Bewusstseinsstufe.11

  6. heute

    Aus sechs werden sieben

    Von hier war es nur noch ein kleiner Schritt zu dem Chakrensystem, das wir heute kennen. Es macht aus Pūrṇānandas Zentren gewöhnlich sieben gleichartige Chakren und zählt Sahasrara als siebtes hinzu: Wurzelchakra, Sakralchakra, Solarplexuschakra, Herzchakra, Kehlchakra, Stirnchakra und Kronenchakra. Dazu kommen meist sieben Farben von Rot bis Violett und Eigenschaften wie Sicherheit, Sexualität, Selbstbewusstsein, Liebe, Kommunikation, Intuition und Spiritualität.10, 12

Moderne Deutung

Hybridprodukt Chakrensystem

Unsere heutige Chakrenlehre wirkt ausgesprochen ganzheitlich und schlüssig. Aber gerade dies sollte uns vorsichtig machen.

Denn hier begegnen wir nicht mehr ausschließlich einer alten tantrischen Lehre, sondern einer modernen Synthese aus indischen Vorstellungen, westlicher Esoterik und Psychologie. Problematisch wird es, wenn ihre Entstehung verschleiert wird oder moderne psychologische und anatomische Deutungen fälschlicherweise als jahrtausendealtes Wissen verkauft werden.6, 7, 10, 12

Im modernen Chakrensystem wurden schließlich noch weitere Ebenen ergänzt: Hormondrüsen, Nervengeflechte, Organe, Edelsteine, ätherische Öle, Töne, Lebensalter, Krankheiten, Persönlichkeitseigenschaften, Traumata und Ernährung.10, 12 An diesem Punkt ist kaum noch erkennbar, welche Zuordnung aus einem historischen tantrischen Text stammt und was aus der Theosophie, der modernen Körperarbeit oder irgendwann aus der New-Age-Kultur hinzugefügt wurde.6, 7, 10

4
New Age & EsoterikHormondrüsen, Organe, Edelsteine, ätherische Öle, Töne, Lebensalter, Krankheiten, Traumata, Ernährung
3
PsychologieLebensthemen und Bewusstseinsstufen – seit Jung und im Laufe des 20. Jahrhunderts
2
Theosophiefeinstoffliche Organe, hellsichtige Wahrnehmung, Regenbogenfarben
1
Tantrische ÜberlieferungZentren im subtilen Körper, Visualisation, Mantras, Gottheiten, Meditation

Sieben Chakren, sieben Lebensthemen

Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden den einzelnen Chakren immer stärker psychologische Lebensthemen zugeordnet.7, 10, 12 Das Kronenchakra bekam schließlich seine Veredelung mit Spiritualität und Transzendenz.10, 12

„Es vermischen sich historische tantrische Lehre, westlich-esoterische Neuinterpretation, modernes psychologisches Modell und weitere Ebenen.“

Die heute üblichen Zuordnungen
KronenchakraSpiritualität, Transzendenz
StirnchakraIntuition, Erkenntnis
KehlchakraSprache, Selbstausdruck
HerzchakraLiebe, Beziehung
SolarplexuschakraKraft, Selbstbewusstsein, Wille
SakralchakraSexualität, Lust, Kreativität
WurzelchakraSicherheit, Überleben, Erdung

Literatur · Studien · Primärtexte

Quellen

Die hochgestellten Zahlen im Text führen direkt zur jeweiligen Quelle.

12 Quellen anzeigen
  1. 1. Glen A. Hayes: „Esoteric Physiology and Subtle Body Systems“, in: Richard K. Payne / Glen A. Hayes (Hrsg.), The Oxford Handbook of Tantric Studies. Oxford University Press, 2023, S. 197–224. Wissenschaftliche Übersicht zu den zahlreichen hinduistischen und buddhistischen Systemen des subtilen Körpers, zu Chakren, Visualisation und Kundalini sowie zu ihrer Einbettung in konkrete religiöse und rituelle Systeme. Oxford Academic
  2. 2. Hugo D. Critchley / Sarah N. Garfinkel: „Interoception and emotion“, Current Opinion in Psychology, 17, 2017, S. 7–14. Wissenschaftliche Übersicht zur Wahrnehmung innerer Körpersignale und zu deren Bedeutung für emotionale Zustände, darunter kardiale, respiratorische und andere körperliche Signale. PubMed
  3. 3. Kelsey J. Kinter / Bruce W. Newton: „Anatomy, Abdomen and Pelvis, Pudendal Nerve“, StatPearls. StatPearls Publishing / NCBI Bookshelf. Medizinische Referenz zur sensiblen und motorischen Versorgung von Damm, Beckenboden und äußeren Genitalien durch den Nervus pudendus. NCBI Bookshelf
  4. 4. Reena S. John et al.: „Celiac Plexus Block“, StatPearls. StatPearls Publishing / NCBI Bookshelf. Anatomische und neurophysiologische Referenz zum Plexus coeliacus, auch Solarplexus genannt, als großem autonomen Nervengeflecht im Oberbauch. NCBI Bookshelf
  5. 5. Arthur Avalon (Sir John Woodroffe): The Serpent Power: Being the Ṣaṭ-cakra-nirūpaṇa and Pādukā-pañcaka. Luzac & Co., London, 1919. Frühe englische Übersetzung und Kommentierung des Ṣaṭ-cakra-nirūpaṇa von Pūrṇānanda. Primärquelle für das dort beschriebene System aus sechs Zentren, Sahasrara, Kundalini, Lotusblättern, Lauten, Mantras, Elementen und Gottheiten. WorldCat
  6. 6. Simon Cox: „Theosophical Gnosis and Astral Hermeneutics“, in: The Subtle Body: A Genealogy. Oxford University Press, 2022, S. 116–136. Religionswissenschaftliche Untersuchung zur theosophischen Umformung von Vorstellungen des subtilen Körpers, insbesondere bei Annie Besant und Charles W. Leadbeater, und zu deren Mischung aus indischen, kabbalistischen und eigenen esoterischen Deutungen. Oxford Academic
  7. 7. Junbo Sim: „The Study on The Formation Process of The Western Chakra System: Focusing on C. W. Leadbeater’s The Chakras“, 원불교사상과 종교문화, Nr. 91, 2022, S. 395–425. Wissenschaftlicher Fachaufsatz zur Herausbildung des westlichen Chakrensystems unter dem Einfluss der Theosophie und zu Leadbeaters Bedeutung für dessen Verbreitung. Korea Citation Index
  8. 8. Kathleen Taylor: Sir John Woodroffe, Tantra and Bengal: 'An Indian Soul in a European Body?'. Curzon Press, Richmond, 2001. Wissenschaftliche Biografie zu Woodroffes Arbeit unter dem Namen Arthur Avalon und zur Bedeutung von The Serpent Power für die westliche Rezeption von Kundalini-Yoga und Tantra. WorldCat
  9. 9. Charles Webster Leadbeater: The Chakras: A Monograph. Theosophical Publishing House, 1927. Primärquelle für Leadbeaters hellsichtige Deutung der Chakren als farbige und bewegte Zentren eines feinstofflichen Körpers und für seine Verbindung von Chakren mit okkulten und körperbezogenen Zuordnungen. Google Books
  10. 10. Kurt Leland: Rainbow Body: A History of the Western Chakra System from Blavatsky to Brennan. Ibis Press, Lake Worth, 2016. Umfangreiche historische Rekonstruktion der westlichen Chakrenlehre, insbesondere der Entwicklung des Sieben-Chakren-Schemas, der Regenbogenfarben sowie der späteren Zuordnungen zu Drüsen, Psyche und weiteren Lebensbereichen. WorldCat
  11. 11. C. G. Jung: The Psychology of Kundalini Yoga: Notes of the Seminar Given in 1932, hrsg. von Sonu Shamdasani. Princeton University Press, Princeton, 1996. Primär- und Editionsquelle zu Jungs Zürcher Seminar von 1932 und zu seiner psychologischen und symbolischen Interpretation der Chakren und des Kundalini-Aufstiegs als Entwicklungsstufen des Bewusstseins. JSTOR / Princeton University Press
  12. 12. Anodea Judith: Eastern Body, Western Mind: Psychology and the Chakra System as a Path to the Self. Überarb. Ausgabe, Celestial Arts / Ten Speed Press, 2004. Repräsentative Primärquelle für die moderne Verbindung des Chakrensystems mit westlicher Psychologie, Entwicklungsmodellen, Sexualität, Selbstbild und weiteren psychologischen Lebensthemen. Penguin Random House

Im Gespräch bleiben

Ein Gedanke ist bei dir hängen geblieben?

Vielleicht arbeitest du selbst mit Chakren, siehst manches anders oder möchtest wissen, wie ich Berührung ohne Energie-Erklärungen gestalte. Schreib mir gerne.

Noch Fragen offen?

Schreib mir, was dich beschäftigt.